Hejsan,
jo, nun geht mein Auslandssemester schon straight aufs Ende zu. Inzwischen wiederholen sich schon die Rituale vom Wintersemesteranfang: Neue Austauschstudenten, die auf der Suche nach Orientierung und einem Dach über dem Kopf durch die Straßen ziehen und LTH-Erstis, die verkleidet, saufend und grölend durch die Straßen ziehen. So viel Zeit ist nun schon ins Land gegangen.
Drum will ich euch auch über die letzten coolen Dinger vom vergangen und dem neuen Jahr aufklären.
Fangen wir einfach mal beim Level 2 meines Schwedischkurses an. Unser Lehrer hieß Sandy Åkerblom. Ein richtiger Mann, ohne Scheiß, obwohl ich daran gezweifelt hab, bevor ich ihn kennen lernte. Die erste Steigerung bestand schonmal darin, dass der Lehrer meistens Schwedisch sprach und nicht wie zuvor Englisch. Er redete zwar langsam und deutlich, aber trotzdem mit nem richtig schönen Skåne-Dialekt. Ich hab den Typen sehr gemocht. War aber teilweise schon herausfordernd, z.B. als wir uns auf Schwedisch über die Zukunft der Welt auslassen durften. Wenigstens war das grammatisch nicht allzu kompliziert. Der Höhepunkt des Kurses war aber zweifelsohne sich Entschuldigen: Dazu bekamen wir Zettel, wo verschiedene witzige Unfälle draufstanden (z.B. dass das Kind den Mercedes des Nachbarn rosa angemalt hat), und man sollte dann den Geschädigten anrufen und um Entschuldigung bitten. Unnötig zu erwähnen, was für amüsante Dialoge dabei entstanden sind.
Das Thema Zukunft hatten wir dann aber sogar in der mündlichen Prüfung, wo wir uns außerdem über eine umweltfreundliche Stadt unterhalten sollten. In der schriftlichen Prüfung musste ich ähnliche witzige Sachen schreiben, z.B. eine Beschwerde an einen zu lauten Korridornachbarn oder eine Datingseitenannonce für einen Freund.
Auch im Chor war es spannend: Im November durfte ich bei meinem ersten Chorkonzert dabei sein, dem Herbstkonzert in der Aula vom Unihauptgebäude. Dieses Konzert entstand in Kooperation mit dem Männerchor der "vereinten Nationen". Das Konzert war richtig fetzig. Hier mal ein paar Highlights: Das Lied "Styrman Karlsons äventyr med porslinspjäsen" (etwa: Steuermann Karlsons Abenteuer mit dem Porzellantopf) fängt folgendermaßen an: "Schnelle Fingerbewegung zwischen den Lippen." Wer sich darunter keinen Klang vorstellen kann, einfach mal ausprobieren. Dann wird verständlich, warum ich das nicht machen konnte, ohne nen kleinen Lachanfall zu kriegen. Aber noch davor wars fast noch peinlicher: Davor sang nämlich der Männerchor ein Lied ohne uns. Ich und mein Nebenmann hatten das aber nicht mitbekommen und fingen einfach an, bis wir feststellten: "Oh Scheiße, falsches Lied!" Zum Glück dauerte das nicht so lange, wie man jetzt vermuten könnte. Das andere lustige Lied war "Euphoria" von Loreen. Genauergesagt die Version, die wir zusammen mit dem Männerchor als Zugabe gesungen haben. Die vom Männerchor hatten das Lied nämlich nicht geprobt, darum wurden sie angehalten, zu improvisieren. Death Metal-Licks von den Bässen in mancher Strophe und schmetternde Tenöre im Refrain waren die Folge.

Herbstkonzert

Die Spannung dieses Konzerts ging aber noch zu steigern, als es aufs Konzert am Luciatag zuging. Der Luciatag geht wahrscheinlich auch auf eben diese Heilige zurück, aber so richtig kümmert sich hier keiner darum. Die Hauptsache dabei ist, eine typisch schwedische Tradition zu feiern und Weihnachtsstimmung zu genießen. Dazu gabs dann auch nen speziellen Dresscode: Alle trugen ein weißes Gewand, das sog. Lucialinnen. Die Lucia trug dazu ein rotes Band um die Taille und eine Krone mit Blattgeflecht und Kerzen. Die anderen Mädels trugen einen Lorbeerkranz auf dem Kopf und eine Kerze in der Hand. Die Jungs trugen eine Sternjungenmütze auf dem Kopf und manche auch einen Stern in der Hand, die anderen auch eine Kerze. Und niemand von uns trug Schuhe, stattdessen dicke weiße Socken. Die Lieder mussten alle auswendig sitzen, wahrscheinlich weil das Notenheft zusammen mit der Verkleidung nicht stilecht ist oder was auch immer. Jedenfalls wars spannend bis zuletzt, die ganzen Songs auswendig zu lernen. Das Linnen hab ich mir dann im Kaufhaus besorgt (überlege sogar, es zu behalten und es als Nachthemd zu verwenden) und dann konnts losgehen. Wir fuhren das Konzert 3x an dem Abend, weils so beliebt war. War auch jedes Mal ordentlich gefüllt. Pannen wie beim Herbstkonzert gabs dieses Mal nicht, aber das hatte schon was, wie wir da alle komplett in weiß und mit Kerzen in die Aula einzogen. Die Kerzen hatten nur den Nachteil, das man manchmal heißes Wachs auf die Hand bekam. Aber eine unserer 3 Lucias hatte es noch ärger erwischt: Sie bekam sogar Wachs ins Gesicht, während die anderen Lucias das Zeug nur in die Haare bekamen. War aber n geiles Konzert mit echt tollen englischen und schwedischen Weihachtsliedern.

Luciakostüm

Ein weiterer Höhepunkt im Dezember war die Tour auf den Marktplatz mit der "Pannkakskyrkan" (zu deutsch: Pfannkuchenkirche). Wir trafen uns vorher bei Credo und machten Pfannkuchenteig und Kaffee, dann packten wir Grill, Tisch, NTs und sonstiges Equipment zusammen und marschierten los. Die Leute freuten sich enorm über die Pfannkuchen, den Kaffee und die Gespräche mit uns. Die verschiedensten Leute trafen wir dabei: Schüler, Studenten, Ältere. Die Studenten wurden zwar mit fortschreitender Stunde betrunkener, aber trotzdem wars ein sehr gesegneter Abend.

Dazu gabs natürlich Weihnachtsfeiern überall, im Labor, bei Credo und in meinem internationalen Hauskreis. Im Labor haben wir neben dem Wichteln auch richtig nerdige Laborspiele gespielt, z.B. am schnellsten mit dem Mund pipettieren oder ein Gel über den Flur balancieren. Bei Credo gabs allerhand zu erraten, z.B. Geschenke, Promis mit Weihnachtsmannmütze oder Weihachtslieder. Weihnachten (schwedisch: Jul) ist hier auch ne ziemlich große Sache, überall in den Fenstern und in der Stadt sieht man irgendwelchen Lichterschmuck und ich hab das Gefühl, dass viel Aufwand betrieben wird, größtmögliche Gemütlichkeit zu erzeugen. Sozusagen als Gegenbewegung zur winterlichen Dunkelheit.
Das eigentliche Weihnachtsfest + Silvester hab ich dann aber doch daheim verbracht, darum gibts an dieser Stelle von mir nichts typisch Schwedisches zu erzählen.

Nun hab ich nur noch etwas mehr als 5 Wochen über hier im schönen Schweden, was aber nicht heißt, dass nichts weiter passieren wird. Im Februar z.B. steht Knävlingagille an, das bedeutet ein ganzes Wochenende Party, inklusive Ball und ein Chorkonzert. Ganz abgesehen davon, dass ich schon eifrig am Abschlussreport meines Praktikums werkle und am Ende auch was präsentieren werde. Es bleibt also spannend.

Bis denne
der Dieter